The AI Lectures from Shanghai?
Von Rolf Pfeifer, 11.4.2008
So, jetzt ist endlich die Deadline für EU-Projekte vorbei. Nur noch das Fernsehen drei Tage im Haus, und dann hoffe ich, dass wir endlich, endlich wieder mal was Anständiges arbeiten können. Aber da ist noch das Jubiläum der Universität, 175 Jahre und das Jahr der Informatik, und die BrainFair (die war schon) am Parcours des Wissens, und der Fakultätstag im Lichthof (am letzten Samstag), Und letztes Jahr im November hatten wir das 20-jährige Jubiläum unseres Labors. Und nächste Woche eine Labtour für eine Gymi-Klasse. Lehre und Forschung? Mhh …
Aber jetzt zum Thema, «The AI Lectures from Shanghai». Im Herbst 2008 soll die chinesische Übersetzung meines neuen Buches «How the Body Shapes the Way We Think» herauskommen, und wir sind daran, zu überlegen, wie man das Marketing machen könnte. Vor etwa drei Jahren hatten wir die «AI (Artificial Intelligence) Lectures from Tokyo», die erste weltweite, ganzsemestrige Videokonferenz-basierte, voll interaktive Vorlesung in der «Global Virtual Lecture Hall» durchgeführt. Teilnehmer: Tokyo (von wo das ausgestrahlt wurde), Beijing, Jiddah, Warschau, München und Zürich. Sollen wir was Ähnliches machen, einfach aus Shanghai anstatt aus Tokyo? Wäre sicher eine gute Gelegenheit, ein paar Wochen in Shanghai zu verbringen. Darum geht es doch eigentlich – wie kann ich rechtfertigen, dass ich dort hinreisen muss? China wird ja in Zukunft immer wichtiger, also muss man schon jetzt die Kontakte aufbauen, oder nicht? Aber das ist bei den meisten Reisen so. Und dann möchte ich auch ein paar Wochen nach Japan – Japan ist für uns Robotiker natürlich das Mekka: Ich könnte doch ein Tutorial am SAB-Kongress in Osaka machen (SAB, «Simulation of Adaptive Behavior»). Und Korea? Da könnte ich dasselbe Tutorial am Multi-Sensor Fusion Kongress halten (passt nicht wirklich, aber das ist ja nicht so tragisch), und dann noch ein paar Institute besuchen. Korea ist eine absolute Technologiehochburg, die man als Robotiker unbedingt kennen muss. Und einen Abstecher in die USA wäre auch spannend. Da gibt’s einen Kongress in Florida, wo ich einen Vortrag machen soll. Dann könnte ich bei dieser Gelegenheit gleich noch ein paar Kollegen in Boston und Cambridge besuchen. Ah, dann muss ich noch mit einem Freund von der Nangyang Technological University in Singapore einen Projektantrag schreiben – kann man nun offensichtlich nur machen, wenn man sich direkt gegenüber sitzt. Aber dann verpasse ich das Filmfestival in Locarno. Mhh, dann muss ich halt mal schnell dazwischen zurück. Ist gar nicht so schlecht, da komme ich zu meinen Miles.
Zum Glück bin ich bei dieser Interlink-Initiative der EU mit dabei. Worum es geht, ist mir nicht so ganz klar, aber man kann recht schön rumreisen, letztes Jahr Südfrankreich, im Juni dann Tokyo. Ich denke, wir werden da «networking» machen. Come to think of it, ich kenne da eine ausgezeichnete Kneipe in Brüssel, La Manufacture. Das könnte klappen, wenn wir zu Contract Negotiations für unsere EU-Anträge eingeladen werden. Eigentlich ziemlich nützlich, diese EU-Projekte. Bei diesen «AI Lectures from Tokyo» war auch die King Abdul Aziz University in Jiddah, Saudi Arabien, mit dabei. Und es besteht die Absicht, eine Kooperation aufzubauen. Also, ab nach Jiddah, aber vielleicht erst im Herbst, ist viel zu heiss im Sommer. Und nächste Woche muss ich dringend nach München, dann nach Hannover – für einen Robotiker ist ja die Industriemesse ein absolutes Muss und für die Forschung und Entwicklung unerlässlich. Nur, Hannover hat leider nicht so viel Sonne. Aber da gibt’s einen Workshop über «neuromorphic engineering» in Sardinien, übernächste Woche. Und es ist völlig klar: Wenn ich da nicht hingehe, sind wir anschliessend völlig isoliert und abgehängt.
Aber was mache ich jetzt mit den «AI Lectures from Shanghai»? Sollen wir das überhaupt machen? Oder besser etwas komplett Neues? Keine Ahnung. Ich denke, ich werde nächste Woche mal ein paar Leute zu einer Brainstorming Session einladen … Nun ist bereits wieder fast Mitternacht, Freitagabend, und ich sitze immer noch im Büro und schreibe einen Blog für’s Uni-Jubiläum. Mensch, was für ein Leben!

Kommentar
Rob Otter schrieb am 2. Mai 2008 um 14:11 UhrWenn ich lese, wieviel Sie herumreisen und an interessanten Projekten mitwirken dürfen, würde ich gerne mit Ihnen den Job tauschen.
Denn ich bin nicht nur zu noch späteren Tageszeiten ebenfalls am Arbeiten, nein, ich werde dafür auch noch mit der Absenz von Entwicklungsmöglichkeiten, intellektuell kaum fordernden “Herausforderungen”, fehlender Abwechslung und schlechter Bezahlung belohnt.
Mensch, was für ein Leben! Ja, ich würde viel lieber wie Sie Roboter entwickeln, die meine aktuelle Arbeit erledigen, als dass ich darin selbst noch länger versauere. Dann müssten auch meine vielen Informatikerkollegen nicht mehr die langweiligen Jobs erledigen, welche unsere liebe Wirtschaft fälschlicher- und bequemerweise für “Informatik” hält. Wir gut ausgebildeten Informatikermenschen könnten uns endlich wieder um spannende, kreative und wirklich wichtige Aufgaben kümmern, statt als menschliche Automaten missbraucht zu werden.
Könnten Sie meine Kritik an der gegenwärtigen Auffassung von “Informatik” in einen Ihrer “informatica 08″ Vorträge einfliessen lassen? Das würde einigen Mitmenschen die Augen öffnen und vielleicht zu einem Umdenken bewegen.
Herzlichst, Rob Otter.