Suchen:
News 175 Jahre UZH Agenda Veranstaltungen Fakultätstage Ausstellungen Blog
Banner Image

«How the body shapes the way we think»: Übersetzungen und Peinlichkeiten

Von Rolf Pfeifer, 7.4.2008

Manchmal komme ich mir vor wie ein Wanderprediger: Ich predige «Embodiment», wie das moderne Schlagwort heisst. Also, sooo modern ist dieser Begriff auch wieder nicht. Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty hat bereits in den 60er Jahren geschrieben, dass Wahrnehmung die physische Interaktion mit der Umwelt, die aktive Handlung, voraussetzt. Merleau-Ponty ist in unserem Gebiet, der «Embodied Intelligence», zu einer Art Kultfigur geworden (leider habe ich seine Texte nur äusserst bruchstückartig gelesen, war mir einfach zu schwierig; zu meiner Verteidigung muss ich allerdings sagen, dass die meisten meiner Ingenieurkollegen auch nicht viel mehr von ihm verstanden haben; aber ein bisschen peinlich ist dies natürlich schon). Man kann ähnliche Ideen bereits bei John Dewey in seinem berühmten Aufsatz «The reflex arc in psychology», 1896 (kein Tippfehler, vorletztes Jahrhundert!) finden. Gewisse Theoretiker, Philosophen, vermuten ganz ähnliche Einsichten schon bei den Vorsokratikern (Heraklit, Parmenides, oder wie hiessen die doch gleich? Auch von denen habe ich nicht viel gelesen, alles aus zweiter und dritter Hand). Bibelforschung kann man natürlich auch immer betreiben, und man findet heraus, dass praktisch alle Ideen im Prinzip bereits jemand schon viel früher gehabt hat, was ja immer ein bisschen frustrierend ist. Doch zurück zur Moderne.

Embodiment bedeutet, dass Intelligenz einen Körper braucht, oder etwas genauer gesagt intelligentes Verhalten sich aus dem Zusammenspiel von Gehirn, Körper (Morphologie, Materialien) und Umwelt ergibt. Wie dem auch sei, von wegen Bibelforschung: Meine Studenten nehmen mich auf den Arm, indem sie mein erstes Buch, «Understanding Intelligence», 1999 erschienen (697 Seiten!), kurz «Die Bibel» nennen, «The Bible of Embodiment». Jetzt, mit dem Erscheinen des neuen Buches, «How the Body Shapes the Way We Think – a New View of Intelligence», 2007, nennen sie «Understanding Intelligence» das «Alte Testament» und «How the Body …» das «Neue Testament». Und ich bin der Prediger – «I’m a preacher!» Natürlich haben sie nicht ganz Unrecht (aber ein bisschen peinlich ist das ja schon). Die richtige Bibel ist ja in extrem viele Sprachen übersetzt worden. Das «Alte Testament» (also «Understanding Intelligence») ist auch ins Japanische übersetzt worden. Das «Neue Testament» erscheint in den nächsten Wochen auf Arabisch, dann auf Chinesisch und Japanisch. Eine spanische und eine französische Übersetzung sind in Vorbereitung. Auch eine japanische Manga-Version ist geplant.

An Ostern sass ich mit meinem Freund Koh Hosoda, einem ziemlich verrückten Robotikprofessor von der Universität Osaka in Japan (er hat einen zweibeinigen, «kopflosen» Roboter mit künstlichen Muskeln gebaut, der ohne irgendwelche Sensoren gehen kann), im Tessin - er überarbeitete gerade die erste Version der japanischen Übersetzung. Koh: «Quick question, what do you mean by the sentence ‚We introduce the goals of artificial intelligence research, because this is the main methodology we will employ throughout the text’?» Habe ich das so geschrieben? Kaum zu glauben. Keine Ahnung, was das bedeutet. Aber so steht’s drin – im gedruckten Buch! Wie konnte uns, also mir, meinem Koautor Josh Bongard und dem Lektor von MIT Press, so ein Quatsch durch die Lappen gehen?!?? Sehr peinlich. Bleibt nur zu hoffen, dass Koh bald fertig ist und nicht allzu viele weitere Peinlichkeiten auftauchen. Ich frage mich gerade, was wohl die Araber und die Chinesen mit diesem Satz gemacht haben. Die Spanier und die Franzosen kann ich ja noch warnen. Das Problem – oder das Gute, wie man’s nimmt – bei Übersetzungen ist, dass alle, wirklich alle Probleme unbarmherzig an die Oberfläche gespült werden. Aber der grösste Vorteil ist natürlich, dass man so viel mehr Menschen (China hat immerhin über eine Milliarde Einwohner), auch solche ohne Englischkenntnisse, erreichen und mit der frohen Botschaft beglücken kann. Es wird meine Tätigkeit als Wanderprediger in Sachen «Embodiment» substanziell erleichtern. So, jetzt muss ich mich aber dringend um die EU-Projekte kümmern. Es ist schon fast Mitternacht und die Deadline ist morgen Dienstag, 8. April, 17 Uhr!

Eine Reaktion zu ««How the body shapes the way we think»: Übersetzungen und Peinlichkeiten»

Pingback

15. April 2008, 23:15 Uhr
Von: wissensblog » Blog Archive » Professoren bloggen

Einen Kommentar schreiben