Wissen teilen durch E-learning – ein geträumtes Interview mit Erasmus von Rotterdam
Von Andreas Pospischil, 10.3.2008
Bild: «Portrait des Erasmus von Rotterdam», Hans Holbein der Jüngere, 1523, Kunstmuseum Basel. Abbildung aus: The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei.
Seit langem beschäftigt mich folgendes Zitat von Erasmus von Rotterdam: «Der erste Schritt beim Lernen ist die Liebe zum Lehrer….». Je mehr ich im Unterricht und bei Prüfungen (E-Assessment) über Veterinärpathologie elektronische Medien (E-Learning) verwende, umso stärker beschäftigt mich der Ausspruch des grossen Humanisten und Pädagogen. Vor wenigen Tagen hatte ich im tiefen Schlaf einen Traum, in dem ich ein Interview mit Erasmus von Rotterdam durchführen konnte. Verwirrt wachte ich auf und – was selten geschieht – konnte ich mich an den Traum oder Teile davon erinnern und mir einige Notizen machen. Daraus will ich versuchen, das Gespräch zu rekonstruieren:
Ich befinde mich im Oktober 1535 in Basel im Haus «Zum Luft» an der Bäumleingasse 18, das Hieronymus Froben, Sohn des verstorbenen, berühmten Druckers Johannes Froben gehört und sitze einem alten Herren gegenüber, der bereits 66 Jahre zählt. Er trägt eine pelzverbrämte Hausjacke und eine altmodische tellerartige Kopfbedeckung trägt. Seine Finger sind von der Gicht verkrümmt und seine Stimme schon sehr schwach.
AP: Erasmus, ich darf Sie doch so nennen, was halten Sie von der sich an den Universitäten immer weiter verbreitenden Methode des E-Learning?
EvR: Der erste Schritt beim Lernen ist die Liebe zum Lehrer, und im Verlauf der Zeit wird es gewiss geschehen, dass der Knabe, welcher die Wissenschaften um des Meisters willen zu lieben begonnen hatte, später an dem Meister um der Wissenschaft willen hängt.
AP: Bei der heute grossen Anzahl von Studierenden wird es aber immer schwieriger ein Meister / Schüler Verhältnis zu erreichen!
EvR: Es gibt zu viele Sorten von Menschen, als dass man für alle fertige Antworten bereithalten könnte.
AP: Empfehlen Sie mir den Studierenden wieder vermehrt Lehrbücher ans Herz zu legen?
EvR: Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand.
AP: Ihren letzten Satz verstehe ich nicht ganz, haben Sie nicht auch gesagt: «Dort ist meine Heimat, wo ich meine Bibliothek habe.» Ist das nicht ein Widerspruch?
EvR: Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit. Bedenke: Nicht die haben die Bücher recht lieb, welche sie unberührt in den Schränken aufheben, sondern, die sie Tag und Nacht in den Händen haben, und daher beschmutzet sind, welche Eselsohren darein machen, sie abnutzen und mit Anmerkungen bedecken.
AP: Die Pathologie und Anatomie, von der Sie ja bei ihren Aufenthalten in Paris und Turin gehört haben ist für den Unterricht auf Bilder angewiesen, diese lassen sich doch hervorragend auf elektronischem Weg übermitteln und verfügbar machen!
EvR: Ich weiß nicht, ob jemand seinen Körper zur Gänze kennt. Und den Zustand seines Geistes soll jeder kennen? Je weniger wir Trugbilder bewundern, desto mehr vermögen wir die Wahrheit aufzunehmen.
AP: Da stimme ich Ihnen vollständig zu, die Pathologen ihrer Zeit haben in der Tradition von Galen aus der Obduktion von Hunden und Katzen auf Struktur und Funktion des menschlichen Körpers geschlossen. Was empfehlen Sie mir für den Unterricht?
EvR: Von der Zunge hängen des Menschen Würde und Glück ab. Aber: Hüte dich davor zu denken: «Das tut jeder».
AP: Reicht das Wort wirklich aus, um Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln?
EvR: Nein, ganz richtig hat darum Sokrates gesagt: «Am meisten lernt der, der gerne lernt»; man lernt aber gerne von denjenigen, die man lieb hat. Beachte jedoch: Was gibt es Törichteres, als von seinen eigenen guten Eigenschaften bezaubert, von seinen Verdiensten entzückt zu sein? Oder: Für jeden riecht sein eigener Misthaufen gut.
Lange habe ich über den Traum und meine Notizen gebrütet, um mir über die Bedeutung und meine Einstellung zum E-Learning klar zu werden. In der Mischung aller Elemente (Präsenzunterricht, soziale Kontakte, Bücher, elektronische Medien usw.), die uns heute zur Verfügung stehen, liegt die Lösung. Diese Lösung ist unterschiedlich von Fachgebiet zu Fachgebiet und von Lehrperson zu Lehrperson. Multikulturell heisst die Lösung und auch Konfuzius gibt mir ein Wort auf den Weg: «Sage es mir, und ich vergesse es; zeige es mir, und ich erinnere mich; lass es mich tun, und ich behalte es.» Ich werde auf diesem Weg weitergehen, da er mich technisch und didaktisch fasziniert.


Kommentar
Eva Seiler Schiedt schrieb am 13. März 2008 um 12:20 UhrLieber Andreas, zu Deinen traumwandlerischen Verknüpfungen zwischen Tradition und Moderne reizt mich vor allem Eines zu sagen: Du hast seit Jahren die Weiterentwicklung des Lehrens und Lernens reflektiert und Dich in der Praxis immer engagiert dafür eingesetzt. Dafür möchte ich mich hier bei Dir einmal bedanken! Und dass Du dabei weder den Humor noch die Zuversicht verloren hast, darüber freue ich mich ganz besonders!
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